Schächten in Deutschland: Ist das erlaubt?
Ist Schächten in Deutschland erlaubt? Grundsätzlich nicht. Tiere müssen vor dem Blutentzug betäubt werden. Es gibt aber eine Ausnahme für Menschen, deren Religion das Schächten vorschreibt.
Diese Ausnahme steht in § 4a des Tierschutzgesetzes. Wer sie nutzen will, braucht eine Genehmigung der zuständigen Behörde.
Dieser Ratgeber erklärt die Rechtslage und die Debatte darum. Wir bleiben sachlich und zeigen beide Sichtweisen.
Schächten ist in Deutschland nur mit Ausnahmegenehmigung erlaubt, und über die Abwägung zwischen Religionsfreiheit und Tierschutz wird bis heute diskutiert.
Was heißt Schächten?
Schächten bedeutet Schlachten ohne vorherige Betäubung. Das Tier wird mit einem scharfen Messer geschnitten und blutet aus. Es ist die klassische Form der islamischen und jüdischen Schlachtung.
Mehr zur Schlachtung selbst findest du im Ratgeber Halal-Schlachtung: mit oder ohne Betäubung.
Die Regel: § 4a Tierschutzgesetz
Absatz 1 lautet sinngemäß: Ein warmblütiges Tier darf nur geschlachtet werden, wenn es vor Beginn des Blutentzugs betäubt worden ist.
Absatz 2 Nummer 2 erlaubt eine Ausnahme. Die Behörde kann eine Ausnahmegenehmigung erteilen, wenn sie nötig ist, um den Bedürfnissen von Angehörigen bestimmter Religionsgemeinschaften zu entsprechen. Für sie müssen zwingende Vorschriften das Schächten vorschreiben oder den Verzehr von Fleisch nicht geschächteter Tiere untersagen.
Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2002
Am 15. Januar 2002 entschied das Bundesverfassungsgericht (Az. 1 BvR 1783/99). Geklagt hatte ein muslimischer Metzger aus Hessen. Er hatte lange um die Erlaubnis zum Schächten gestritten.
Das Gericht hielt § 4a für verfassungsgemäß. Es sagte aber, dass Behörden und Gerichte die Vorschrift zu eng ausgelegt hatten. Eine Religionsgemeinschaft muss nicht formal anerkannt sein. Es genügt eine Gruppe von Menschen mit gemeinsamer Glaubensüberzeugung.
Wer eine Genehmigung will, muss nachvollziehbar darlegen, dass nach dieser Überzeugung der Fleischverzehr zwingend eine Schlachtung ohne Betäubung voraussetzt. Der Staat soll diese Glaubensüberzeugung nicht selbst bewerten.
Was danach geschah
Am 1. August 2002 kam der Tierschutz als Staatsziel ins Grundgesetz (Art. 20a). 2006 entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass das Staatsziel eine Genehmigung für Muslime nicht ausschließt.
Der Landkreis erteilte dem Metzger danach erneut eine Genehmigung, aber mit strengen Auflagen. Bei jeder Schächtung sollte ein Amtstierarzt dabei sein. Außerdem musste er nachweisen, dass er das Fleisch nur an strenggläubige Muslime verkauft.
Woher kommt Fleisch ohne Betäubung?
Der Import von Fleisch geschächteter Tiere ist erlaubt, schreibt die Verbraucherzentrale. Nach unserer Einschätzung kommt solches Fleisch deshalb meist aus dem Ausland oder von wenigen Betrieben mit Genehmigung.
In der EU erlaubt die Verordnung 1099/2009 die rituelle Schlachtung ohne Betäubung als Ausnahme, in zugelassenen Schlachthöfen. Der Europäische Gerichtshof entschied im Dezember 2020, dass EU-Staaten auch bei ritueller Schlachtung eine Betäubung vorschreiben dürfen.
Darum ist Halal-Fleisch in Deutschland meist betäubt. Mehr dazu im Ratgeber Halal-Fleisch.
Ist Halal-Schlachtung Tierquälerei? Die Debatte
Die Frage wird oft gestellt. Wir nennen beide Sichtweisen, ohne eine zu bewerten.
Die Tierschutz-Seite sagt: Das Tier soll beim Schnitt nichts spüren. Deshalb sei Betäubung vor dem Schnitt der bessere Weg. Tierschutzverbände verweisen auf die Elektrokurzzeitbetäubung als Alternative.
Die Religionsfreiheits-Seite sagt: Das Schächten ist Teil der Glaubenspraxis und durch das Grundgesetz geschützt. Im Islam gilt das Gebot, ein scharfes Messer zu nutzen, damit das Tier nicht unnötig leidet. Das Bundesverfassungsgericht hielt 2002 fest, dass wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt sei, ob Betäubung nachweislich weniger Leiden verursacht.
Beide Seiten wollen das Tier schonen und ihre Werte schützen. Darum lohnt sich ein ruhiges Gespräch statt Polemik.
Was heißt das für dich als Gast?
Du musst nicht alles wissen. Du darfst aber nachfragen, wie das Fleisch im Restaurant geschlachtet wurde. Das ist dein gutes Recht.
Auf der Karte mit geprüften Restaurants von 0% Haram siehst du, wo wir Lieferanten bestätigt haben. Wir prüfen die Lieferkette: Das Restaurant nennt den Lieferanten, der Lieferant bestätigt die Schlachtweise, und alle drei Monate fragen wir neu nach. Unsere Einstufung ist keine Fatwa und ersetzt keine eigene Nachfrage. Wie wir arbeiten, steht unter So prüfen wir.
Häufige Fragen
Ist Schächten in Deutschland verboten?
Grundsätzlich ja, nach § 4a Absatz 1 Tierschutzgesetz. Eine Ausnahmegenehmigung ist unter bestimmten Bedingungen möglich.
Wer bekommt eine Ausnahmegenehmigung?
Die Behörde erteilt sie, wenn zwingende Vorschriften der Religionsgemeinschaft das Schächten vorschreiben oder den Verzehr nicht geschächteter Tiere untersagen. Der Antragsteller muss das nachvollziehbar darlegen.
Darf geschächtetes Fleisch aus dem Ausland verkauft werden?
Ja. Die Verbraucherzentrale schreibt, dass der Import geschächteter Tiere erlaubt ist.
Warum ist Halal-Fleisch in Deutschland meist betäubt?
Wegen der strengen Regel zur Betäubung. Halal-Schlachtungen erfolgen laut Verbraucherzentrale fast ausschließlich mit Betäubung oder mit Ausnahmegenehmigung.
Quellen
- Tierschutzgesetz § 4a (gesetze-im-internet.de) - Tierschutzgesetz § 4 (gesetze-im-internet.de) - Bundesverfassungsgericht: Urteil vom 15. Januar 2002, 1 BvR 1783/99 - BVerfGE 104, 337 (Schächturteil) - Jüdische Allgemeine: Religion im Recht - Tagesspiegel: Vom richtigen Schächten - Art. 20a Grundgesetz (gesetze-im-internet.de) - Jura Online: Der Umwelt- und Tierschutz im Grundgesetz - Verbraucherzentrale: Halal essen. Wann ist ein Produkt halal? - web.de: EuGH zu ritueller Schlachtung (17.12.2020)